Kritik der Dresdner Studie zur Kultur- und Kreativwirtschaft

Kommentar von Maik Roßmann
Freitag 15. Juli 2011

Etwa 20 Anwesende warten am 7. Juni 2011 im Saal des Kulturrathauses auf die Ergebnispräsentation einer Studie, an der seit vielen Monaten gearbeitet worden ist. “Kultur- und Kreativwirtschaft in Dresden: Potenziale und Handlungsmöglichkeiten”, heißt das 85 Seiten umfassende Dossier , das von der Stadt Dresden, vertreten durch das Amt für Wirtschaftsförderung, bei der Prognos AG für 80.000 Euro in Auftrag gegeben worden war.

Auffallend spärlich besetzt ist der für die Präsentation vorgesehene Saal – Verwunderung darüber kommt aber nur kurz auf: Man hat den Termin just zeitgleich zu einem rege angenommenen Networking-Event der Kreativszene auf dem Lingnerschloss gelegt. Vielleicht sagt genau dieses Malheur schon genug über die Zusammenhänge aus, die den Anstoß für die Beauftragung der Studie im Sommer 2010 gaben.

 

Was bitte bringen denn Analysen?

Insgesamt dürfte sich die Wahrnehmung der Studie auch für eher praktisch orientierte Zeitgenossen lohnen: Der Namenszusatz “Ideengeber” stünde ihr nämlich recht gut. Auch lässt sich vermerken, dass Prozesse wie einerseits die beschworene Gentrifizierung, andererseits solche, die eigendynamisch agile Kreativquartiere abseits des Establishments erst entstehen lassen, mitgedacht wurden. Das Ganze sieht sehr nach einem Papier aus, dem weder Hand noch Fuß fehlt – nicht zuletzt sicher auch, weil mit der Prognos AG ein begleitender Dienstleister gewählt worden ist, der das Thema bereits auf Bundesebene eingehend untersucht hat.

 

Außenansichten: Wohltuend ungeschminkt

Abgesehen von der umfassenden, Grundlagen bildenden Kennzahlenanalyse ergeben sich durchaus kritische Schlüsse: “Die Analysen zeigen, dass die Stadt Dresden die Leistungen der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht nur aus Sicht des Standortmarketings betrachten sollte. Hierfür sollten die politischen Entscheidungsträger und Institutionen ihren Blickwinkel erweitern und die Kultur- und Kreativwirtschaft als umfassendes, heterogenes und dynamisches Wirtschaftsfeld begreifen. [..] Identifikationsbildende Bekenntnisse wie die Zusage, künftig auch die Klein- und Kleinstunternehmen der KKW zu berücksichtigen, sind hier der erste und sehr wichtige Schritt.” (S.43)  Die Prognos AG als externe, unabhängige Institution bringt Folgendes auf den Punkt: „[Die] auf die Hochkultur ausgerichtete Betrachtungsweise führt dazu, dass sich letztlich eine Vielzahl von Akteuren ausgeschlossen fühlt, die in anderen Teilmärkten der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig sind.” (S.44)

 

Konkrete Handlungsempfehlungen

In den drei thematischen Bereichen “Förderung und wirtschaftliche Unterstützung”, “Stadtentwicklung” und “Stadtmarketing” werden der Stadt letztlich recht konkrete Handlungsempfehlungen an die Hand gegeben. Eine Auswahl:

● Schaffung einer zentralen Koordinierungsstelle für Anliegen der Unternehmen, freien Künstler und Einzelunternehmer – beispielhaft genannt: die stadteigene Agentur departure in Wien (www.departure.at)

● Konkrete Vernetzungsaktionen zwischen künstlerisch Tätigen und lokaler Wirtschaft – beispielhaft genannt hier: die Aktion 3mal3 der Stadt Oldenburg (www.3mal3.net)

● Eine Internet-Plattform für die Außendarstellung der Szene soll “an die kreativen Milieus heranführen und diese sichtbar machen”

● Aktive Unterstützung und Förderung von Coworking- und Roomsharing-Konzepten sowie auch von Zwischennutzungen

● Veranstaltungen auf Brach- und Freiflächen unterstützen, um Pionieransiedlungen der Kunst- und Kulturszene zu befördern

● Entwicklung von Kreativquartieren als Leuchtturmprojekte - explizit konzentriert man sich hier auf Erhaltungsmaßnahmen in der Äußeren Neustadt und legt Wert auf die Entwicklung des Kraftwerks Mitte sowie auch des Ostrageheges

 

Perspektivwechsel: Spielen wir Stadtverwaltung!

Offensichtlich sind einige der Abhandlungen über moderne Arbeits- und Geschäftsmodelle, über eine “New Economy” der Kreativen und Kulturverpflichteten, auch bei den städtischen Verantwortlichen für Wirtschaftspolitik angekommen. Die Eigenheiten betreffender Szene stehen nur leider in krassem Gegensatz zu herkömmlichem Verwaltungsdenken:  Standortpolitik wird in aller Regel von Koordinaten wie Auftragsvolumina, Neuansiedlung der Firma X mit Schaffung von Y Arbeitsplätzen zum Zeitpunkt Z, Vermittlung von Großaufträgen und Anbahnung neuer Geschäftsverbindungen in Schwellenländer mittels Starthilfe durch die Politik bestimmt. Die vielfältigen, äußerst diffizilen und losen Netzwerkstrukturen einer urbanen Szene von Kleinunternehmern, Drei-Mann-Agenturen, Arbeitskollektiven, Freelancern, freien Theaterzulieferern, Autoren und Künstlern wollen da nicht recht hineinpassen.

Dass Kulturarbeit wenig in wirtschaftlichen Zusammenhängen gedacht wird – es sei denn in solchen, die der Tourismusförderung dienen – kommt erschwerend hinzu. So können wir die Wahrnehmung von Kultur als Wirtschaftsfaktor in Dresden recht eindeutig auf die etablierte Hochkultur beschränken: Dem durchschnittlichen Dresden-Touristen wird vornehmlich ein Potpourrie aus Semperoper, , Schauspielhaus und Kunstsammlungen als Zielcluster angeboten. Im Einklang damit setzt das städtische Eigenmarketing konsequent auf Canaletto, Zwinger, Staatskapelle und diverse Gewölbe als Zugpferdkollektiv. In diesem Zusammenhang mag man [Dr Bettina Bunge, Geschäftsführerin der Dresden Marketing GmbH, noch zustimmen: “Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.”

Was andererseits den Bereich kleiner Kreativagenturen, Freelancer und Werbeschaffender angeht, werden deren oft verschlungene Wege in Sachen Auftragsakquise und verborgenem Zuliefererdasein amtlich weder systematisch erfasst, noch stehen hier in irgendeiner Weise spezielle Regulierungsmittel zur Verfügung. Insofern verwundert es auch kaum, dass von Amtsseite gelegentlich  Bedarf an Erläuterung  entsprechender Szenestrukturen geäußert wird.

 

Studien als adäquates Mittel der Problembearbeitung?

Es ergibt sich ein Bild, das keinen Raum für Verschwörungstheorien und angedichteten Vorsatz lässt: Wer in Dresden die mangelhafte Förderung von Strukturen der Kreativ- und Kulturbranche unterhalb des touristischen Zugriffsniveaus moniert, verkennt schlicht auch den Umstand mangelhafter Informationslage und Handhabe bei den Verantwortlichen. Dieser Umstand wiederum liegt weitaus weniger in engstirnig arbeitenden Verwaltungsebenen begründet, als darin, dass man dort eine konsequente Wirtschaftsförderung und Stadt-Marken-Führung fährt – was nach Abwägung und in Gesamtschau sicher nicht als die schlechteste aller möglichen Optionen dasteht. Man kann eben nicht alles haben. Die vorgestellte Studie schafft zunächst einmal Grundlagen für die Arbeit an der Überbrückung dargestellter Diskrepanzen. Anlass zur wiederholten Artikulation einer da und dort anzutreffenden Tendenz in Richtung Resignation und Selbstmitleid bietet sie nicht – denn zunächst darf festgehalten werden: Die Initiative für diesen kleinen ersten Schritt nach vorn lag bei der Stadt selbst.

 

Dringend erwünscht: Umdenken

Von der bloßen Erstellung einer Studie sind natürlich noch keine praktischen Ergebnisse zu erwarten; der städtische Apparat wird an dem gemessen , was er daraus macht.  Offenbar ist aber  bereits Einiges in Bewegung geraten. Unter vorgehaltener Hand ist eine bodenständige Einschätzung zu hören: Man könne feststellen, dass bei den zuständigen Ämtern aktuell einiges Umdenken stattfinde; gesprochen wird von einer spürbaren Entwicklung hin zu neuer Offenheit und der Akzeptanz kreativer Ansätze.

Wir sollten es einfach als guten Start ansehen, dass die Stadt bereits im Rahmen der Studienerstellung betroffene Akteure zu Workshops eingeladen und den Dialog gesucht hat. Die Gunst der Stunde nutzen heißt es nun – und dazu gehören mit Sicherheit zwei Seiten: Genau jetzt sollte der rechte Zeitpunkt gekommen sein, eigene Interessen und Bedürfnisse aktiv und mitarbeitend zu artikulieren. Offenheit für Dialog und Zusammenarbeit jedenfalls hat Birgit Monßen, Leiterin des Amts für Wirtschaftsförderung, bei Studienpräsentation überraschend authentisch bekräftigt und explizit zur aktiven Mitarbeit eingeladen.

Maik Roßmann

 

Weiterführende Links

Download der Studie als PDF
http://www.dresden.de/media/pdf/wirtschaft_extern/infoblaetter/110615-KKW-Gesamt.pdf

Offizielle Pressemitteilung der Stadt Dresden zur Studie vom 29.06.2011
http://www.dresden.de/de/02/035/01/2011/06/pm_120.php

Interview mit Torsten Schulze, Stadtrat (Die Grünen) zur Studie
http://www.flurfunk-dresden.de/2011/06/22/kultur-und-kreativwirtschaft-in-dresden-potenziale-und-handlungsmoglichkeiten-bericht-zum-download

Gesamtpapier und entsprechende Kurzfassung der Studie "Kultur- und Kreativwirtschaft" von Prognos  für das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie
http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/KuK/Navigation/Mediathek/publikationen,did=328624.html

Homepage der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes mit Hintergrundinfos und Veröffentlichungen sowie Ansprechpartner für konkrete Unterstützung insbesondere bei Existenzgründung
http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de

 

 

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Kommentar von RalfLippold vom 11.08.2011

Es entwickeln sich in Dresden verschiedene Hotspots der Creative Class (ich nehme bewusst nicht den deutschen Ausdruck, da er zu sehr mit der fixen Definition verbunden ist). Diese in geeigneter Form zu verbinden wird die Herausforderung der kommenden Monate und Jahre sein.

Was bereits 2002 mit dem Hochwasser als Keim gelegt worden ist, kreatives Arbeiten in der Krise, ist in 2011 mit dem, was wir rund um Deutschland beobachten können (Spanien, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, ...) wichtiger denn je.

Die Partizipation des Bürgers, und nicht nur ehrenamtlich, sondern tatsächlich in seiner Rolle als Unternehmer, Angestellter, Hartz IV Bezieher, Student, Schüler, Rentner, ... wird entscheidend bestimmen, wie der Wandel von der Zuschussgesellschaft (öffentliche Förderung) zur wertschaffenden Gesellschaft aus sich heraus gestaltet wird.

Einige Highlights der vergangenen Jahre, die den Stellenwert der Creative Class in Dresden unterstreicht:

2007 1. European World Cafe Gathering
2008 Genius-Hellerau
2008 Leornado-Veranstaltung (World Cafe) im Rahmen der Alumni Woche der TU Dresden - Die Welt ein Globales Dorf
2009 2. World Culture Forum in der Gläsernen Manufaktur
2009 Start von UndSonstSo
2010 4. Dresdner Zukunftsforum im Internationalen Congress Centrum
...

Diese Einzelevents in den verbindenden städtischen Kontext zu überführen und für Stadt und Bürger gleichermaßen nutzbar zu machen ist was Dresden einmalig macht!

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